Chaos, Kartons und knackende Knochen

Ein älterer Text aus den verstaubten Archiven meiner Festplatte. Er beschreibt einen perfekt organisierten Umzug…

Chaos, Kartons und knackende Knochen

Das Jahr 2005 n. Christus bombardiert uns geradezu mit denkwürdigen Ereignissen:

Schnüff – vor 60 Jahren verliert D-Land den 2. Weltkrieg – aber aller guten Dinge sind ja drei. Freu, freu – im Mai Aufstieg der Eintracht!!! Skandal – Philipp F. weist im Oktober den ihm angetragenen Literaturnobelpreis brüsk zurück. Skurrile Begründung: „Hab doch keinen Smoking“.

Aber verblassen diese Trivialitäten nicht vor jenem 19. März? Jenem 19. März, an dem ein Haufen Aufrechter sich einer herkuleischen Herausforderung stellte. Wohl selten in der Weltgeschichte lagen desaströses Scheitern und glorreicher Triumph dichter beisammen.

Dem Autor dieser Zeilen fehlt leider der epische Atem, der dieser Unternehmung gerecht werden würde. Jedoch sieht er sich in der Pflicht, nach der fadenscheinigen Absage des feinen Herrn Homer („Kann nicht mehr reimen, arbeite jetzt als Art-Director“), zur Feder zu greifen. Er meint nicht zu Unrecht, es dem Gedächtnis der Menschheit schuldig zu sein…

Beginnen wir mit der Topographie des Geschehens. Wie bekannt sein dürfte, befinden sich die höchsten Gebäude Bornheims in der Wiesenstraße 30 und der Wittelsbacher Allee 145. Turmhoch ragen sie in den Himmel über Frankfurt, ein Aufstieg in das oberste Stockwerk wird nur erfahrenen Alpinisten empfohlen. Des Wahnsinns fette Beute muss diejenige sein, die einen Umzug vom Dachgeschoss des einen Gemäuers in das des anderen plant. Hybris nannten das die alten Griechen.

In die Ahnengalerie, die von Columbus über Alexander den Großen bis zu Heidemarie Wieczoreck-Zeul reicht, reiht sich ab jenem März Sabine W. ein. Sie wagte das Unvorstellbare, nur begleitet von einer wahllos zusammengewürfelten Gurkentruppe, die wenig mehr zu bieten hatte als eisernen Willen, Restalkohol und rudimentäre Muskelpartien. Pikantes Detail am Rande: der komplette Fuhrpark bestand aus einem einzigen VW Büsschen – und das auch nur für gestoppte 131 Minuten. Dementsprechend energisch schwang die Doppelhausherrin die verbale Peitsche. „Zwei Träger für eine Waschmaschine? Scharfrichter, walte deines Amtes“, „Man kann ja auch mal zwei Stufen nehmen.“, „Ihr wollt Wasser???“ gehörten noch zu den harmlosesten Nettigkeiten.

Der Fahrer des Busses – der einzige Profi im Z-Team – zeigte sich mit dem Generalstabsplan nicht immer völlig d’accord. Zwei aufgepumpte Luftsessel wurden verächtlich bei Seite getreten, entgeisterter Kommentar: „Ich transportiere keine Luft!“. Auch sechs mit Backsteinen gefüllte Einkaufstaschen ernteten nicht gerade euphorische Begeisterung. Ja, eine ganze Ladung, die auch eine unersetzbare Federboa enthielt, wurde mit einem schmallippigen „Alles Kruscht“ abqualifiziert. Träger V. vermittelte der Fuhrmann gar das Empfinden, er, V., „trage eine Pflanze falsch.“

In der heißen Phase kommandierte Frau W. die Herren A. und P. – vier linke Hände für ein Halleluja – in die Wittelsbacher Allee. Aufgabe: Transport des „Kruschts“ über 367 Stiegen in die dünne Höhenluft. Nach einem ausgedehnten Palaver, ob man am nahegelegenen Wasserhäuschen nun Bier oder Jägermeister oder doch besser beides besorgen solle, entschieden sich die Muskelmänner schlussendlich für die „Errichtung eines Basislagers“ auf Höhe des 2. Stockwerks. Das vierte sei als Expeditionsziel aus „psychologischen“ Gründen nicht zu empfehlen. Nach einer sorgfältigen Auswahl des Stückguts („Wir nehmen zuerst das, was optisch was hermacht, aber relativ leicht ist“), begannen Sie träge mit der Arbeit. Zwischen Bandscheibenvorfall und Kreislaufkollaps presste A. keuchend hervor: „So müssen die Pyramiden erbaut worden sein“. Klar, aber bei dem Tempo der beiden wären sie heute noch im Rohbau…

…jedoch, Wunder über Wunder, das Werk kam entgegen den Gesetzen der Logik und des rotwangigen Menschenverstandes mit Siebenmeilenstiefeln voran. Als der Abend dämmerte lagerte sich die Rumpftruppe abgekämpft im Flur, der, architektonisches Kuriosum sondergleichen, ungefähr 1,30 Meter in der Breite, jedoch gigantische 17 Meter in der Länge misst. Eine sinnvolle Nutzung scheint ein Kinderspiel…

Sklave K. gelang zum Finale durch bloßes Handauflegen die wunderbare Reparatur einer Lampenfassung – und es werde Licht. Klempner D. widmete sich dem Anschluss der Waschmaschine unter Verwendung eines Reduzierungsnippels – der Fachmann weiß, wovon ich spreche. Doch die letzten Worte sollen der treibenden Kraft hinter diesem größenwahnsinnigen Unternehmen gehören. Sie sprechen für sich selbst.

Auf die Frage, was sie denn im feuchten Keller lagern wolle, sagte Frau W. ganz nonchalant: „Meinen alten Äppler“. Gemeint war natürlich der fruchtige Rechner. Außerdem einen Monitor, in den neuen Gemächern verfüge sie über einen „Flachbettschirm“. Hier sei ein Gasherd installiert, mit welchem Gerät wurde denn in der Ex-Wohnung geköchelt und gebruzzelt? „Eerd“.

3 Gedanken zu “Chaos, Kartons und knackende Knochen

  1. hi philipp!
    habe über facebook deine, eben diese seite entdeckt. lese mich nun mal von vorne nach hinten durch.
    schön, dass du diesen text wieder gefunden/heraus gekramt hast. musste so lachen!

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